Im Schatten liegt der Charakter des Bildes

Am 21. August 2016 von Paddy veröffentlicht

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Dieser Beitrag ist inspiriert durch Gespräche in den letzten Workshops. Da zeigte ich, wie ich mit Licht arbeite und wie sich die wechselnden Lichtsituationen auf die Beleuchtung des Models und die Schattenbildung auswirken. Oft kommt es vor, dass jemand anmerkt: „da bildet sich dann aber ein Schatten“ oder „den Schatten muss man aber aufhellen“ oder ähnliches. Darum möchte ich heute diesen Blogpost meiner Liebe zu Schatten widmen.

Nasenschatten, Kinnschatten, Schlagschatten scheinen sich als etwas schlechtes im Kopf vieler Fotografen manifestiert zu haben. Das Licht muss möglichst weich sein und die Ausleuchtung schattenfrei. Mittagssonne ist der Feind, denn die macht Schatten. Bildet sich irgendwo ein Schatten, so wird diesem sogleich mit einem Aufheller oder Diffusor der Garaus gemacht. Dabei ist der Schatten für mich ein fester Bestandteil der Lichtsetzung. Warum spricht eigentlich niemand von Schattensetzung? Für mich muss auf einem Bild auch nicht alles erkennbar sein. Teile des Bildes dürfen durch Schatten verdeckt sein, sie gehören für mich sogar dazu. Ein Bild ohne Schatten ist wie Labs ohne Kaus. Indem Bildteile verdeckt sind, erzeuge ich Spannung und Dramatik im Bild. Das ist natürlich nichts für Beautyfotografie, die weitestgehend von perfekt ausgeleuchteter und reiner Haut lebt. Viel Licht neigt dazu Dinge positiver darzustellen. Hell verbinden wir mit dem Guten und die Schatten sind eher etwas böses. Die Bösewichte leben nun mal in der Schattenwelt. Arbeite ich mit hartem und direktem Licht, so bildet sich an der kleinsten Unebenheit ein Schatten, was zur Folge hat, dass jedes Details der Haut betont wird. Feinste Härchen und winzigste Pickelchen kommen zum Vorschein, die kleinste Narbe wird zum Krater. Das empfinden wir oft als einen Makel. Ein Schatten kann ungewollte Details betonen.

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Andererseits kann ein Schatten auch Dinge ausblenden. Schatten können ganze Körperpartien im Dunkeln verschwinden lassen. Mit Schatten lassen sich Silhouetten bilden und sie ermöglichen feinste Lichtkanten, die nur einzelne Partien des Gesichts in den Vordergrund rücken. Schatten können auch das Leben in einem Gesicht zeigen. Je nach Art der Fotografie kann dies gewünscht sein. Möchte man den Charakter eines Gesichts zum Vorschein bringen, so ist man auf Schatten angewiesen. Falten betont man, indem man sie schräg anleuchtet und so eine Schattenbildung zulässt. Ohje, das böse F-Wort. Falten sind ja beim Großteil der Bevölkerung nicht so gern gesehen. Dabei sind sie das normalste der Welt. Wer nie in seinem Leben Falten hatte, der ist früh gestorben. Wieso ist „Alt sein“ eigentlich schlecht? OK, Alt ist nicht sexy, hat dafür aber alle anderen Vorteile, die man erst mit der gewissen Lebenserfahrung geniessen kann. Um die Lebenserfahrung und Weisheit in einem Bild zum Ausdruck zu bringen, bedient man sich gerne des sog. Charakterportraits, welches vielfach von auffälliger Schattenbildung und der damit einhergehenden Betonung aller Gesichtspartien lebt.

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Nun ist es so, dass vieles in der Fotografie Geschmacksache ist. Einige mögen die hellen verträumten Bilder, andere die etwas verruchten, schmutzigen, dunklen Bilder. Ich mochte schon immer Schatten und sie dürfen auch gerne extrem sein. Auch mit knalliger Sonne mag ich arbeiten. Da bilden sich dann teilweise sehr harte Schatten, aber genau so muss es sein, wenn ein Bild einen richtig schön sommerlichen Look hat. Zum Sommer gehören nun mal harte Schatten, auch wenn wir Hamburger da eigentlich nicht mitreden können. Was ich Euch jedoch ans Herz legen möchte ist, mit Schatten zu experimentieren und sie nicht pauschal als schlecht zu akzeptieren. Nur weil in irgendeinem Buch steht, dass man einen Schatten aufhellen muss, ist das noch lange nicht richtig. Schatten gilt es nicht zu vermeiden, sondern sie ebenso gezielt einzusetzen, wie auch das Licht. Wer Licht setzt, muss auch Schatten setzen. EinBild bekommt erst durch die Schatten seinen Charakter.

Hier kommt noch eine wilde Auswahl von Bildern der letzten Jahre, die alles andere als Schattenfrei sind 😉

Zum Schluß sei mir der werbewirksame Hinweis auf mein Videotutorial „Wie ich Licht sehe“ erlaubt.

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Veröffentlicht in: Know How nach oben

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Kommentare (18)

  • Frank Knorr schrieb am 21.08.2016

    Richtig, das sehe ich auch so. Und die Bilder im Blog verdeutlichen es auch sehr gut. Die Lektüre ist immer wieder interessant. Gratulation und weiter so.

  • Bernd Krüger schrieb am 21.08.2016

    Hi Patrick,

    es sollten wieder mehr Komplimente gemacht werden:
    Du bist wirklich ein herausragender Fotograf und ein sehr angenehmer Hamburger. Darüber hinaus verfügst Du über eine ausgezeichnete Schreibe – präzise, ehrlich, humorvoll. Auch im bewegten Bild machst Du einen sympathischen Eindruck.
    Kommt bisschen zeugnismäßig rüber, was bei Lob aber nicht stört, oder?

    Alles Gute für Dich

    Bernd Krüger

  • SaLu schrieb am 21.08.2016

    Absolut korrekt!!! In der Portraitfotografie (und nicht nur) war für mich schon immer der Schatten DAS Gestalltungmittel (je mehr umso besser, hart oder weich, egal, ist situationsabhängig), ich setzte Licht ein um Schatten zu bekommen, erst dann entseht Spannung, Dynamik im Bild und das Portrait bekommt Charakter.
    Habe dein Bericht in Bild und Text genossen.
    Danke!

    Gruß
    Sandrino

  • Maria schrieb am 21.08.2016

    Wow, dein erstes Bild von Aki find ich wahnsinnig gut! (Wobei alle anderen auch super sind!!)
    Ja, du hast recht. Sollte man sich öfter (/immer) zu Herzen nehmen.
    Daran muss ich auch noch arbeiten. 😉

    & Schön, dass die Kommentarfunktion wieder freigeschalten wurde! 🙂

  • Philip schrieb am 21.08.2016

    Funk ist eben was du nicht spielst…

  • Toll geschrieben und wahnsinnig gute Bilder im Abspann!

  • Torsten Vaquet schrieb am 21.08.2016

    ein toller Artikel …die Bilder Grund genug, einige Sachen zu überdenken, wie ich es bisher gemacht habe

  • Marc schrieb am 22.08.2016

    Hey,

    Sehr interessanter Beitrag. Ich fühle mich auch als Schattenfeind ertappt. Dein Beitrag inspiriert mich aber bewusst mal das ein oder andere Schattenshooting zu machen. Also so ganz bewusst.

    Viele Grüße,

    Marc

  • Kerstin schrieb am 22.08.2016

    Gude lieber Patrick,

    ich mag schon seit Jahren Deine sw Portraits … auch wenn Lichter bei Outdoorbildern öfters mal ausgefressen sind ?. Ich bewundere die Art und Weise Deiner Photography und das Du Dich nicht in eine Schublade rein quetschen lässt. ?? Deine inszenierten Schatten sind genau die i-Tüpfelchen in den Bildern.
    Bleib so wie Du bist und mach einfach weiter so!

    Viele Grüße
    Kerstin

  • Mathias schrieb am 22.08.2016

    Klasse Bilder !
    Im laufe der Zeit ist bei mir ein Wandel eingetreten, früher war nur weiches Licht das wahre mittlerweile finde ich hartes Licht & Schatten auch super.

  • Klaus schrieb am 23.08.2016

    Hallo Paddy,

    genauso schätze ich monochrome Bilder , Mann (oder Frau ) freut sich das Monochrom wieder so angesagt ist. Hamburg hat aber auch perfekte Locations , das sieht man an deinen Streetfotos die alle Ihren eigenen Charakter haben.
    Bitte weiter so, Gruß aus Bremen.

  • Christian schrieb am 23.08.2016

    Sehr spannender Artikel, ich bin immer wieder verblüfft über die Wirkung von Lichtspielen in schwarz & weiß – und darf noch einiges nachholen 🙂

  • Andy schrieb am 23.08.2016

    Die „Schattensetzung“ ist aus meiner Sicht genau dass, was deinen Bildstil besonders macht. Gerade mit diesem Artikel ist mir das nochmal so richtig bewusst geworden. Einfach klasse wie du es immer wieder hin bekommst Personen derart toll abzulichten. Bin ja schon gespannt auf das #Hashtag Magazin, welches schon bereit liegt wenn ich vom Urlaub heim komme… 😀 Weiter so!

  • Robert Mitschang schrieb am 24.08.2016

    Wieder ein super Artikel von dir.

    Ich mag Schatten auch, allerdings nur in bestimmten Situationen. Wenn ich Fotos zur Dokumentation schieße, wie die meisten Urlaubsfotos zum Beispiel, dann helle ich die Schattenflächen auf.
    Ich liebe es allerdings reife Gesichter zu fotografieren. Dann macht Schatten richtig Spaß. Der Schatten wird dann zum Charaktervertärker. Man kann in Gesichtern viel lesen. Und mit viel Schatten kann man diese Geschichten wunderbar hervorheben.
    Da hat es in der Auswahl oben auch ein paar richtig schöne Gesichter/Geschichten dabei.

    Gruß aus Esslingen

  • Lena schrieb am 25.08.2016

    Ganz toller Artikel und ganz tolle Portraits!

    Ich versuche auch nicht alles auszuleuchten sondern auch gewollt mit Schatten zu arbeiten. Bleibt im Sommer meistens nichts anderes übrig wenn man ohne viel Schnick-Schnack unterwegs sein möchte. Dann muss man die Schatten halt nutzen für interessante Portraits 🙂

  • Heiko schrieb am 26.08.2016

    Gerade für jemanden, der sich (seit langem mal wieder) gerade mit der Fotografie, vor allem Personenfotografie, beschäftigt, kommen die Gedanken gerade recht.

    In den Workshops, den Fachartikeln, Tutorials wird uns beigebracht, diese Schatten zu bekämpfen. Letztes Wochenende dann bei meinem quasi ersten eigenen „Shooting“ bin ich kläglich in diesem Kampf gegen die Schatten gescheitert. Und bin froh darüber. Die Bilder, die ich da hatte, haben mir gefallen. Richtig gut gefallen. Und nun versuche ich zu analysieren was ich an meinem Licht „falsch“ gesetzt habe um in Zukunft die Schatten „richtig“ zu setzen.

  • Andreas schrieb am 29.08.2016

    Sehr schöner Blog muss ich mal sagen 🙂 ! !