Die Fotografenkrankheit

Am 7. Februar 2014 von Paddy veröffentlicht

Es vergeht kaum ein Workshop in dem die Sprache nicht auf das Problem unscharfer oder verrauschter Bilder kommt. Paddy, was kann ich tun?

Die Wahrheit ist, dass es nun mal gar nicht so einfach ist bei einem riesigen Sensor und noch riesigerer Blende Bilder zu machen, die auf den Punkt scharf sind. Auch ich habe diese Probleme und kenne diese Mikrounschärfe, die man eigentlich nur sieht, wenn man das Bild auf 100% zoomt. Und genau da liegt der Fehler.

Ich nenne es die Fotografenkrankheit. Man kommt nach einem Shooting nach Hause, überträgt die Bilder auf den Rechner und zoomt erst einmal auf 100% um sich an der Schärfe seiner Megapixel zu ergötzen. Leider ist die Ernüchterung schnell da. Minimale Unschärfe, weil es mal wieder der Vollformatsensor mit f/1.4 sein musste. Oha, und die D4 rauscht ja doch bei ISO 6400.

Drehen wir den Spiess mal um. Was macht ein Kunde, wenn er sich meine Bilder anschaut? Richtig, er guckt wie er darauf guckt. Gefällt sich die Person auf dem Bild? Passt der Ausdruck? Wenn das nicht der Fall ist, dann werdet Ihr doch nicht sagen „aber guck doch mal wie scharf das Bild ist, wenn ich reinzoome. Hier, jede einzelne Pore kann man sehen. Ach die Falten, die mache ich noch weg. Und schönes Licht habe ich gemacht. Rauschen ist auch nicht zu sehen.“ 🙂

Welches Bild wird der Kunde vorziehen? Das mit dem richtigen Moment oder das knackscharfe?

Die heutige Technik ist geil, aber leider auch manchmal zu geil. Wahnsinnige Auflösungen erfordern teilweise sehr genaues arbeiten. Die D800 ist ein bekanntes Beispiel dafür. Bildqualität grandios, aber auch ein zickiges Biest, das manchen Fotografen zur Weissglut treibt.

Aber wieviel Schärfe brauche ich überhaupt? Mir persönlich reicht es, wenn das Bild auf einem 27″ Monitor und einem A3-Druck bei normalem Betrachtungsabstand scharf ist. Würde ich nur die 100%-Zoom-Wow-Bilder verwenden, hätte ich die schönsten Momente weggeschmissen. Blättere ich Bildbände durch, so fällt auf, dass technische Perfektion offenbar kein Kriterium für die Veröffentlichung ist.

Das ist kein Plädoyer unscharfe Bilder zu machen. Natürlich sollte ein Fotograf auch nach einem hohen technischen Standard streben. Aber glaubt mir, ein Bild kann noch so scharf und rauschfrei sein, es taugt nicht, wenn Moment und Motiv nicht stimmen. Umgekehrt funktioniert es schon eher. Es ist auch viel entspannter, wenn man einfach mal diesen 100% Zoom stecken lässt 😉

Mich erreichte irgendwann ein Hilferuf per Email. „Hilfe, ich fotografiere morgen meine erste Hochzeit. Hast Du einen Tipp für mich?“. Jetzt hätte ich den Hilfesuchenden verspotten können und einen dezenten Hinweis auf den frühzeitigen Besuch meiner Workshops geben können. Aber dazu war es zu spät. Was war also mein Tipp? Stell die Kamera auf „P“, mache Dich frei von sämtlicher Technik und konzentriere Dich darauf die Momente einzusammeln.

Veröffentlicht in: Know How nach oben

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Kommentare (48)

  • Gerd schrieb am 07.02.2014

    Das Schlimme an den höheren Auflösungen ist ja auch, dass beim Zoom auf 1:1 ja auch ein viel kleinerer Bereich stark vergrößert wird – das wird leider oft vergessen. Ist ja mathematisch auch richtig, verwirrt aber manchen noch mehr. Einfach mal im Lightroom vergleichen, wie groß der Ausschnitt im Navigator ist, wenn man z.B. ein 12 Megapixel Bild im Vergleich zu einem 36 Megapixel Bild auf 1:1 zoomt.
    Aber nicht nur bei Offenblende: es machen sich auf Beugunschärfen bei höher auflösenden Sensoren auf Grund der kleineren Pixelgrößen bei kleinen Blendenöffnungen bemerkbar.
    Alles Aspekte, die man mal realistsch betrachten sollte! Und dann – auf dem Teppich bleiben…

    • Kristina schrieb am 09.02.2014

      Danke,
      Ich bin noch im fortgeschrittenen Anfänger-Stadium…vor ca.5 Jahren kaufte mir die D3100. Das grösste Problem: die Bilder waren unscharf.. Da ich den Grund hinter der Kamera vermutete, hatte ich nach und nach die Lust am fotografieren verloren…dann wurde ich Rentnerin geworden und versuchte erneut das Problem anzupacken…mit ordentlich Grundlagen zu lernen…Die Ausbeute an scharfen Fotos war minimal .
      Eines Tages bekam ich für 2 Monate die D300 zum spielen…Und sehe da, ich bekam viele guten und scharfen Fotos, obwohl ich viel Respekt vor dieser Profikamera hatte. Ich war begeistert und überlegte mir die D300 zu kaufen…bis ich einmal die D7100 in die Hände bekam. Wow, dachte ich, mit dieser super Kamera… na, ihr wisst schon…
      Es ist fast ein Jahr her, ich bereue die 300d nicht gekauft zu haben. Die d7100 ist gute Kamera, aber ich bekomme scharfe Bilder nur vom Stativ her oder bei sehr kurzen Verschlusszeiten…
      Hatte mich auch die “ Fotografenkrankheit“ gepackt ? LG Kristina

  • Sehe ich genauso. Guter Beitrag.
    Hatte erst kürzlich einen Werbeauftrag und da haben wir Porträts machen müssen wo sich das Model bewegt. Sehr viele coole Bilder gemacht, aber genau wo sie perfekt geschaut hat, war es eben nicht 100% scharf.

    Nur war es jedem egal. Weil der Gesichtsausdruck einfach super war, und der Verwendungszweck auch nicht soo riesig war.

    In PS etwas verkleinern und nachschärfen und gepasst hat es. 😉

    LG Ulf

    PS: Und trotzdem ist es super geil wenn ALLES passt und die D800 den Fokus genau trifft sodass man Wimpern zählen kann, selbst wenn es ein Ganzkörperporträt war. 🙂

  • Helmut schrieb am 07.02.2014

    … was mal unbedingt so und nicht anders gesagt werden mußte! – Ich habe das ja schon mal von Dir so gehört und befolge es seitdem. Mein Photo-Leben ist damit deutlich leichter und entspannter geworden … 🙂
    LG – Helmut

  • Feyzi schrieb am 07.02.2014

    Oh ja! Gut, dass du es aussprichst Paddy! Technik ist zwar cool, aber manchmal geht diese Jagd einem selbst auf den Wecker. Und durch solche Beiträge wird man wieder auf das Wesentliche geerdet.

  • Sven H. schrieb am 07.02.2014

    Hallo Paddy,

    Du triffst es auf den Punkt!! Ich glaube jeder von uns kennt das Problem mit dem verfluchten 100% Zoom.
    Ich versuche mich in letzter Zeit wieder mit Bildern zu begnügen, so wie sie aus der Kamera kommen oder besser gesagt, so wie ich sie aufgenommen habe.
    Es fällt mir zwar schwer die Bilder nicht nachzuschärfen oder mal nichts am Kontrast zu schrauben, man sollte nicht vergessen: MAN KANN JEDES BILD NACHBEARBEITEN – MUSS ABER NICHT!!
    (Ausnahmen bestätigen die Regel).
    Oft erfüllt es mich mit Stolz, wenn ich ein Bild von mir betrachte und weiß das ich beim fotografieren alles richtig gemacht habe.
    Manchmal wünsche ich mir ein Lightroom mit ganz wenigen Reglern, da ich mich immer wieder dabei erwische, wie ich an jedem einzelnen Regler rumspiele! Das muss doch nich sein!!

    In diesem Sinne…

    Schöne Grüße aus Gießen.

    Sven

  • Peter schrieb am 07.02.2014

    Guter Beitrag – es macht absolut Sinn sich (wieder) mehr auf das Wesentliche beim Fotografieren zu konzentrieren. Auch wenn ich in Sachen „Schärfe“ noch einiges an Potential habe, stehe ich dennoch oft vor der Entscheidung „Soll ich einen gelungenen Moment wirklich in den Papierkorb verschieben, nur weil es nicht 100 % knackig ist?“.
    Einen guten Mittelweg zu finden wäre mein Ziel 🙂

    Peter

  • Falk schrieb am 07.02.2014

    Danke Paddy! Dank Dir bin ich erst darauf aufmerksam geworden, dass ich selbst auch die Fotografenkrankheit habe. Auch ich lasse oft Bilder fallen, die nicht genau dort scharf sind, wo ich es mir wünsche.

    Ich denke, ich werde mal wieder meine Fotosammlung durchgehen und mit anderen Augen anschauen – aber nicht sooooo genau. 🙂

  • Jan schrieb am 07.02.2014

    Hallo Paddy,
    mir geht das Herz auf, Recht hast Du.

    Deutlich zufriedener macht übrigens. in Lightroom von der 1:1 Ansicht auf 1:2 zu schalten:-)

    VG Jan

    • MArtin schrieb am 07.02.2014

      Ja, das handhabe ich auch so. Meine Vergrößerung limitiere ich auf 1:3. Das reicht vollkommen zur Beurteilung, obs passt.

  • Sabine schrieb am 07.02.2014

    Haaa, genau das ist bei meinem „like a fairytale“ Shooting passiert!
    Die Location, perfekt, das Model, perfekt, Raucheffekte, perfekt.
    Und beim Betrachten zuhause dann der Schock!
    Aber die Bilder waren dann doch SO GUT, dass ich das etwas „übersehen“ habe! 🙂

    Danke für den Beitrag!

  • Josef gaggl schrieb am 07.02.2014

    Ich bin soeben draufgekommen, dass mich diese Krankheit auch sehr heftig befallen hat. Werde sofort Gegenmassnahmen ergreifen. Danke für diesen Artikel. Trotzdem möchte ich die D,800 nicht mehr missen.

  • Frank schrieb am 07.02.2014

    Argh ich bin auch ein 100% Zoomer!!! 🙁

    vg

  • Norman schrieb am 07.02.2014

    Hi Paddy,

    die Technik ist wichtig, sehr wichtig. Aber nicht alles. Find ich Klasse, dass Du den Artikel so geschrieben hast!
    Viele Grüsse

    Norman

  • Markus schrieb am 07.02.2014

    D’accord.

    Und – unter anderem – ein Grund, warum ich mich trotz der 7D im Schrank ungern von der alten 20D trennen mag. Oder es beim Punkt „nu muss auch mal was mit VF her“ ebend doch eine gebrauchte 5D (nix II oder III) geworden ist.

    Back to the roots. Weniger Technik + weniger MP = mehr Bild. Die Gleichung passt (zumindest bei mir) immer häufiger.

  • Stefan schrieb am 07.02.2014

    Danke…

    Das ist ganau mein größtes Problem – ich sehe immer nur scharfe Bilder um mich herum. Und dann MEINE… Wobei es zum Zufall wird, ob diese scharf werden, trotz allen Wissens, was man sich angeeignet hat. Ist ungefähr so, als hat man sich einen supertollen Sportwagen gekauft aber die Beine sind zu kurz, um das Gaspedal richtig durchzutreten.

    Ich hoffe, die Krankenkasse übernimmt das mit dieser „Krankheit“…
    Aber danke für diesen Post – womit Du vielen wieder mal den Blick in die richtige Richtung gelenkt hast.

    (Trotzdem ärgert es weiterhin, wenn die Bilder der „anderen“ schärfer sind als die eigenen!)

    • Paddy schrieb am 07.02.2014

      Glaube mir, die anderen haben die gleichen Probleme. Die zeigen halt nur das eine scharfe Bild und nicht die hundert anderen.

  • Stepke schrieb am 07.02.2014

    Hach, was lässt man sich heute in der Leichtigkeit verleiten, Gewichtungen auf die 100% zu legen, während man in der analogen Zeit so viel Blut und Wasser geschwitzt hat. 🙂

    Guter Artikel, den man sich immer mal wieder vor Augen hallten sollte.

    Viele Grüße aus Wetzlar!

  • Alex schrieb am 07.02.2014

    Und im absoluten Notfall mache ich das Bild schwarzweiß, dann geht es immer noch als Kunst und so gewollt durch 😀

  • Julia schrieb am 07.02.2014

    Hallo zusammen!
    Also das nenne ich mal eine erquickende Diskussion hier – danke! Ich fotografiere hauptsächlich Pferde – die rennen, bewegen während des Rennens ihren Kopf in alle Richtungen und man selbst rennt auch … ihr könnt euch vorstellen, wir schwierig knackscharfe Bilder da manchmal sind. Die tollsten Bilder von wild herumspringenden Pferden mit wehenden Mähnen habe einfach in den Müll geschmissen, weil sie eben nicht ganz scharf waren. Was ihr da schreibt, nimmt unheimlich Druck aus der Sache und es wächst die Hoffnung auf Heilung von dieser Krankheit bei mir 🙂
    Nochmals danke für eure ehrlichen und motivierenden Worte und liebe Grüße!

  • Marco schrieb am 07.02.2014

    Danke für den Beitrag 😉

    Die Frage kommt bei mir auch ständig in den Kursen hoch und ich kann Dir 100% beipflichten.
    Ich hab mir angewöhnt, die D800 selbst für Portraits auf ’nem Einbein zu betreiben. Das sorgt für 30% weniger dieser Problemchen aber man bewegt sich eben nicht vollständig in seiner Komfort-Zone das merkt der Klient. Wenn man nicht aufpasst, sieht man das auf den Bildern.
    Wenn die Braut oder Schwiegermutter weint, weil man DEN Moment und so viel Emotion eingefangen hat, wird 10000% Schärfe so ‚was von zweitrangig.

  • Daniel schrieb am 07.02.2014

    Danke Paddy, ich bearbeite gerade die Fotos meiner ersten Hochzeit. Ich nutzte dazu meine D90, und nur durch meine Kamera bin ich irgendwann auf deiner Seite gelandet.

    Und auch ich hab in den letzten Tagen da gesessen und gezoomt…und mir ein Loch in den Bauch geärgert über Unschärfe.
    Nachdem ich deinen Artikel gelesen habe sitze ich nun entspannt vor meinem Flickr Account und schaue mir das Album an und finde es auf einmal garnicht mal so schlecht.

    Und als eifriger Leser deines Blogs hatte ich natürlich auf P gestellt.

  • Alexander schrieb am 07.02.2014

    Hallo,

    das erste, dass man lernt wenn es um Bildbearbeitung geht ist, „auf jeden Fall auf 100% zoomen, sonst könnt Ihr die Schärfe nicht beurteilen“. Nonsens, das führt, wie du geschrieben hast, zu Pixelzählerei und man verliert sich in unwichtigen Details. Vielen Dank für diesen Beitrag.
    Viele Grüße

    Alex

    • André schrieb am 07.02.2014

      Hallo.
      Hier ist bei der 100% Ansicht eher die Beurteilung der Stärke des Nachschärfens gemeint,
      nicht die reine Grundschärfe des Bildes wenn ich es richtig verstanden habe.
      Gruß André.

  • Oh mein Gott ich habe diese Fotografenkrankheit! Und dann staucht mir mein Freund jedes mal den Kopf zurecht und sagt: Ja schau doch mal wo du da hinzoomst, ist doch klar dass es bei 100% nicht immer knackscharf ist. Das Bild speichert man doch eh nur für’s Web mit max. 1000px Breite ab und dann ist von Unschärfe nichts mehr zu erkennen. Aber innerlich weint man doch jedes Mal, wenn das Bild nur zu 98% scharf ist 😉

  • Markus WEik schrieb am 07.02.2014

    Ich möchte ein Vergleich aus dem Turniertanzsport heranziehen. Ein in der Szene sehr renommierter Trainer sagte mal zu mir: „Die Technik ist immer nur ein Hilfsmittel!“ und so sehe ich das beim Fotografieren auch.

    Ein Beitrag, der mir aus dem Herzen spricht. Vielen Dank dafür.

  • franky01 schrieb am 07.02.2014

    Hallo,
    das ist ja mal richtig auf den Punkt gebracht ! DANKE !

    ich erlebe hier auch immer wieder so eine Pixelpeeperei (der Begriff stammt nicht von mir 😉 ) , wir arbeiten im hauseigenen Fotolabor und LargeFormatPrint und sehen immer wieder, daß die Schärfe im tatsächlichen Bild nicht so viel mit der 100%-Ansicht zu tun hat.

    Auch die Aussage eines Bildes ist wesentlich wichtiger als die Erbesenzählerei um die totale Schärfe.

    Ich selbst arbeite seit einigen Jahren mit Olympus D-SLR und paar feinen Optiken – scharfe Bilder, sage ich da nur ! Ohne und oft auch mit 100% Ansicht.

  • Martin schrieb am 07.02.2014

    Hi,

    ich finde die hohen Auflösungen fast schon unnatürlich. Man muss immer den Ausschnitt als ganzes betrachten. Ein Portrait ist ein Portrait und keine Close-Up der Nasenfalte. Das was unser Auge nicht wahrnimmt oder das Gehirn kompensiert, nimmt die digitale Technik brachial auf und gibt es wieder. Da kommen dann mal auch Unschärfen und Co. mit auf das Bild. Im wahren Leben betrachten wir die Welt ja auch nicht in einem Standbild und Zoom 🙂

  • Günter schrieb am 07.02.2014

    Dr. Paddy hat heilsame Worte gesprochen und es hat geholfen. 😉
    Da liegen Fluch und Segen leider nahe beieinander, nicht nur bei der D800. Ich stell das mit der D7100 leider auch immer wieder fest, den die ist ebenso eine Zicke aufgrund der hohen Pixel. Dazu ein Link zu GWegner, der hat das sehr ausführlich erklärt http://gwegner.de/know-how/schaerfe-unschaerfe/
    Wie so oft sollte man locker bleiben und wie sagt man so schön:
    Die Bildwirkung verändert sich mit der Zeit der Betrachtung“.

    BG
    Günter

  • Volker schrieb am 07.02.2014

    Bei der Personenfotografie gebe ich Paddy recht. Aber wenn ich z.B. Landschaft oder DRI Aufnahmen mache, bin ich schon bestrebt, das Maximum an Schärfe herauszuholen. Gerade bei statischen Motiven kann man das Bild ja mehrmals machen, bis man zufrieden ist. Und da zoome ich (Krankheit hin oder her) schon jedes mal auf 100, manchmal 200% um zu sehen, ob der Focus und die Schärfe so ist wie gewollt.

  • Peter schrieb am 07.02.2014

    In einem Video über einen Photowalk durch New York mit Scott Kelby und Jay Maisel hat Jay auf die Frage von Scott, warum er mit, ich glaube 800ISO fotografiert, folgendes geantwortet:

    „I dont’t care pixel, I care pictures“

    An diesen Satz muss ich seitdem immer wieder dann denken wenn es z. B. mal wieder um „totale schärfe“ von sündhaft teuren Objektiven oder Rauschen bei sehr hohen ISO Werten geht. Ich denke bei der Fotografie ist nicht der Weg das Ziel, sonders das Ziel ist ein tolles Foto. Stellt sich noch die Frage wofür ich fotografiere? Für Fotoplattformen im Web oder Facebook wird das ach so tolle, zigtausend Pixel große Foto verkleinert und komprimiert, womit von den „unglaublich vielen Details bei knackigen Schärfe“ nicht mehr allzuviel übrig bleibt. Dazu kommt noch das alle Monitore unterschiedlich eingestellt sind und selten Farben und Helligkeiten „korrekt“ darstellen.

    Aber was bleibt ist das Foto und seine Aussage, selbst wenn es „einfach nur schön“ ist. In diesem Sinn…

  • Anton schrieb am 07.02.2014

    Meine ultimative Kur gegen den Schärfewahn (ja, das ist eine psychische Erkrankung!) ist Gerhard Richters Bild „Betty“ (http://www.gerhard-richter.com/art/paintings/photo_paintings/detail.php?paintid=7668). Da malt jemand ein Bild, und die Schärfe sitzt „falsch“, nämlich auf der Schulter! Pfuscher! Dabei hatte der doch stunden- und tagelang Zeit zum Fokussieren :-).
    Ich stelle fest, dass ich immer noch nicht fertig bin, das Bild (gerade im Bezug auf Fotografie) zu durchdenken.

  • Willi schrieb am 07.02.2014

    Ich habe ziemlich viele Portraits von Sängerinnen (Jazzbereich) gemacht. Kommentar vo vielen der abgelichteten: Mann Du bringst so richtig das Gefühl einer Sängerin rüber!
    So richtig scharf ist eigentlich keines der Bilder. Und das vorhandene Licht wird genutzt, sonst keines. Auch sonstige Musikerportraits klappen unter solchen Bedingungen sehr gut. Wichtig ist dabei auch die Emotion des Fotographen
    Wenn ich die Leute die Bilder am Rechner anschauen lasse finden die sehr oft Bilder gut, die hätte ich glatt weggeschmissen. Ist halt vieles doch Geschmackssache.
    Und wenn ich ganz ehrlich sein soll, ich habe nur im technisch-wissenschaftlichen Bereich jemals „scharfe“ Bilder gemacht. Und Tests mit allen möglich Tafeln nur zu Eichung der Farbentwicklungsmaschine . (Man merkt: ein alter Knabe der schon ewig fotografiert (55 Jahre))
    Also ruhig manchmal etwas Mut zur „Unschärfe“.

    Paddy, Du packst den Zahn als schon mal bei der Wurzel! Weiter so.

  • Wenns nicht ganz passt:
    Im Lightroom eines von den Daido Moriyama Presets drüberbügeln und dann ist Schärfe egal =D

    Guter Beitrag. Stimme zu.

  • Frank schrieb am 07.02.2014

    Ja, in der Tat, Du sprichst mir aus der Seele. Zu Analogzeiten war das nie ein Thema, seit digital und immer größeren Monitor wird das immer schlimmer. Ich hatte mit meinen zwei D700 meine gute Zufriedenheit bei der Arbeit. Dann stand Ende 2012 eine Kampagne an, zu der keine Models sonder echte Einwohner verschiedenen Alters fotografiert werden sollten. Die fertigen Plakate sollten 1,20×1,60m groß werden und hinterleuchtet in Buswartehäuschen eingesetzt werden. Der Moment, als ich eine D800 kaufte. Ich fotografierte alle Situationen ohne Blitz, oft im Bereich von 3200-6400ISO. Als ich DIESE Bilder dann bei 100% durchsah wurde mir physisch schlecht. Natürlich nicht mehr so knackscharf, ganz schön rauschig usw., aber nochmal ging das alles nicht aufzunehmen. Also machte ich die Bilder einfach fertig und schickte die in voller Auflösung druckfertig zum Kunden. Dann war Stille, ich sah Schlimmes kommen. Ein paar Tage dann der Anruf, kommen Sie doch mal schnell vorbei, die Drucke sind gerade geliefert worden. Die sahen prächtig aus! Der Kunde absolut happy! Die Bilder hatten einfach die erhoffte Ausstrahlung, der Druck machte die Körnung weicher, alles wirkte harmonisch. Und durch das vorhandenen Licht absolut natürlich und stimmungsvoll. Und: Im Moment arbeite ich für den Kunden an der nächsten Kampagne.
    Ich kann was Paddy oben schrieb nur GANZ DICK unterschreiben 🙂
    Beste Grüße Frank

  • Michael schrieb am 07.02.2014

    Mal wieder auf den Punkt.
    Auch ich bekenne mich al anonymer Pixelgeek, habe aber Besserung gelobt.
    Für uns älteren Semester sei noch mal zur Erinnerung: ein Vollformat 1:1 Zoom entspricht in seiner Größe etwa ein an die Leinwand geworfenes Dia aus der „guten alten Zeit“.
    Damals hätte man doch jeden Nerd, der die Leinwand aus 20cm Abstand begutachtet und die 3. Petersilie von links als „unscharf“ eingestuft hätte zur Strafe in die Küche verbannt!
    Und nichts anderes ist die 1:1 Vorschau.
    Und da die allermeisten bilder max bei 1024 x768 im Web betrachtet werden, rufe ich mich immer wieder selbst zur Ordnung…
    In diesem Sinne,
    LG
    Michael

    • philipp schrieb am 08.02.2014

      Kurz und bündig: You made my day!
      Ich bin zwar erst 24, aber dennoch irgendwie mit Dias groß geworden – nicht selbst gemacht, aber selbst angeschaut.
      Diese Vorstellung hat einfach dafür gesorgt, dass ich gerade fast vom Stuhl gefallen bin vor Lachen. Nur um festzustellen, dass auch ich wohl das ein oder andere mal in der Küche gelandet wäre. Mist 😉

  • Danke, danke, danke 🙂
    Auch mir wird diese Frage ewig gestellt. Die Antwort ist immer sehr ernüchternd: Die am meisten ausgezeichneten und meist beachteten meiner Bilder entstammen einer Eos 300D und ihrer großen Schwester, der 10D. Sagenhafte 6, 3 Megapixel, zum Teil mit dem (damals sehr modernen) 18-55 Kit-Objektiv, zum größten Teil mit dem 50er 1.8, einige mit einfachen „analogen“ Kit-Scherben wie dem 28-80 oder dem 70-210 4.0 Schiebezoom. Aber es gab einen unschlagbaren Vorteil: Jahrzehnte altes fotografisches Wissen und eine unbändige Freude am Luxus der Digitalfotografie, verbunden mit viel Zeit und einer bis heute vorhandenen Freude am Experiment und dem Anderen, dem Neuen, der Entdeckung.
    Technische Perfektion wird überbewertet 😉

  • Alice schrieb am 07.02.2014

    Schön, dass Du es mal auf den Punkt bringst, was mir schon öfter durch den Kopf gegangen ist. Schärfe wird überbewertet, die Stimmung macht das Bild hauptsächlich aus.
    Und ich bin froh, dass Du das mit dem „P“ auch so siehst.
    Herzliche Grüße
    Alice

  • Markus schrieb am 08.02.2014

    Ich mache mit der guten alten P auch immer erstmal die Hausaufgaben und geh dann raus zum Spielen 😉 Paddy spricht mir natürlich auch aus der Seele aber es ist auch beruhigend zu sehen, dass es doch wohl den meisten so geht. Die Jagd nach dem perfekten Foto geht natürlich weiter aber mal durchatmen tat gut!

  • Hallo Paddy

    danke für diesen Artikel. Ich habe mir auch schon immer genau über dieses Thema sehr den Kopf zerbrochen, denn ich habe das ein oder andere tolle Foto das beim 100% Zoom dann leicht unscharf ist, aber im normalen Betrachtungsabstand super aussieht, weil das Bild ansonsten einfach passt.
    Ich habe mich schon oft gefragt, was ich da für einen Mist gemacht habe oder ob meine Kamera spinnt (habe eine Nikon D90) und mich oft schon geärgert das die perfekte Schärfe fehlt. (ist natürlich nicht bei allen Bildern so)

    Wie auch immer, du hast mich mit diesem Artikel wirklich sehr bestärkt, mir darüber nicht ganz so stark den Kopf zu zerbrechen

    danke
    gordon

  • Bernie schrieb am 09.02.2014

    Hy Paddy,

    Ich hatte vor ein paar Tagen die Ehre, durch einen glücklichen Umstand einen Promi fotografieren zu dürfen. Klaro war ich nervös, da ich nur ein Hobbyfotograf bin. Zum Glück hätten ich meine Mark II dabei, aber nur mit dem kleinen 40mm 2,8f. Wie habe ich mein 24-70 mm L vermisst!! Kein Blitz dabei usw. Die Bilder als Ganzkörper und mit einer Bürobeleuchtung gemacht. Der Promi hat sich perfekt Präsentiert aber auch schnell die Posen gewechselt. Beim Betrachten auf dem Rechner, habe ich dann genau den von Dir erwähnten Fehler gemacht. Da bekommst Du mal so etwas besonderes vor die Linse und dann diese Unschärfe! Also habe ich versucht das Beste aus den Bildern mit PS rauszuholen. Die Bilder waren von den Posen, Licht eigentlich richtig Top, nur die knackige gewünschte Schärfe war nicht da. Als das Model die Bilder auf dem Rechner gesehen hatte , erhielt ich ein tolles Lob, und die Bitte die Bilder zuzusenden. Eigentlich fanden alle die Bilder richtig gut nur ich nicht, da ich diesen Zoom noch im Kopf hatte. Ab sofort mache ich mich nicht mehr verrückt sondern freue mich auf den ersten Blick meiner Bilder.

  • jepp..

  • A.Jahn schrieb am 09.02.2014

    Nun, mit der 100%-Ansicht ist es so eine Sache. Ich „leide“ auch darunter. Da ich aber hauptsächlich Landschaftssachen fotografiere (auf Reisen…) ergötze ich mich eben sehr gern an den aus der perfekten Schärfe resultierenden Details im Bild. Da kann man wunderbar nach der Heimkehr noch einmal Land und Leute „erforschen“. Die 100% möchte ich in dieser Hinsicht nicht missen. Es ist aber auch deutlich leichter, bei f/8 die Landschaft knackscharf zu bekommen.
    Ich leide aber auch noch an einer deutlich schlimmeren Krankheit: mir gefallen meine eigenen Aufnahmen oft nicht so richtig, obwohl andere Menschen meine Fotos wieder gut finden. Kennt ihr das auch? Man ist deutlich zu kritisch mit sich selbst.

  • oli schrieb am 10.02.2014

    Hey, das werde ich mir ausdrucken und in die Medizinkiste legen: Endlich eine Salbe für diese juckende Pestilenz. DANKE Paddy!!

    Gruß

    Oli

    • Richie schrieb am 11.02.2014

      Kurz und knackig gesagt: Einer der besten Blogposts zum Thema Fotografie, welcher mir in der letzten Zeit untergekommen ist.

      Kompliment.

      Viele Grüße
      Richie

  • Pierre schrieb am 12.02.2014

    Oh ja dieses leidige Thema… Man selber als Fotograf hat ganz andere -meist viel zu hohe Ansprüche an sein Foto und die Kamera. Wenn ich die Fotos allein, ohne Model durchschauen würde, hätte ich viel mehr „schlechte Fotos“ dabei. Da mein Blick etwas anders auf die einzelnen Fotos fällt. Ich habe mir grundsätzlich angewöhnt, Fotos nicht allein, sondern immer noch von einer anderen Person, egal ob Model oder nicht, mit aussuchen zu lassen. Viele schöne Fotos, die ich eigentlich entsorgen würde, bekommen ihre Chance!

  • Patrice schrieb am 25.02.2014

    „Aber glaubt mir, ein Bild kann noch so scharf und rauschfrei sein, es taugt nicht, wenn Moment und Motiv nicht stimmen.“

    Eigentlich für uns alle selbstverständlich, aber hin und wieder vergisst man es dann doch 🙂

    „Man selber als Fotograf hat ganz andere -meist viel zu hohe Ansprüche an sein Foto und die Kamera.“

    Das führt aber glücklicherweise auch dazu (zumindest bei mir), dass man qualitativ nicht nachlässt und immer das Beste erreichen möchte. Das bedeutet aber für mich dann nicht, dass ich die Bilder nur bei 100% Zoom beurteile. Das große Ganze muss stimmen…

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