Anleitung zur Nachtfotografie

Am 2. Mai 2009 von Paddy veröffentlicht

Nachdem ich nun schon einige male mit der Kamera bei Dunkelheit unterwegs war und dabei die ersten Erfahrungen gesammelt habe, dachte ich mir, es sei an der Zeit diese zusammenzuschreiben und für die Nachwelt zu erhalten. Daher hier eine kleine Anleitung für die Nachtfotografie, welche sicherlich nicht perfekt ist, aber zumindest ein Anfang für die ersten Fotos in der Dunkelheit ist.

Blaue Stunde

Dunkel ist nicht gleich Dunkel, zwischen Dämmerung und rabenschwarzer Nacht ist ein erheblicher Unterschied, der sich auch auf den Bildern stark bemerkbar macht. Sehr beliebt für Nachtaufnahmen ist die sog. Blaue Stunde. Eigentlich kann man hier nicht wirklich von Nachtfotografie sprechen, sondern müsste eigentlich von Dämmerungsfotografie sprechen, aber Ihr wisst schon was ich meine 🙂

Die Blaue Stunde ist die Zeit direkt nach dem Sonnenuntergang. Dann hat das natürliche Restlicht in etwa die gleiche Helligkeit wie das Kunstlicht von Straßen- und Häuserbeleuchtung. Den besonderen Charme bekommt die Blaue Stunde da nun sowohl natürliches Restlicht als auch Kunstlicht durch Beleuchtungen in Häusern und Straßen vorhanden ist. Hinzu kommt der extrem blau wirkende Himmel, der eine einmalige Bildkombination erlaubt. Zur Blauen Stunde ist meist noch genug Licht vorhanden, dass auch dunkle Bildteile noch ausreichend ausgeleuchtet sind um alle Details zu zeigen.

Die Blaue Stunde kann man nicht nur Abends nutzen, sondern auch morgens, allerdings wirkt der Himmel Abends oft noch intensiver und blauer, was an den tagsüber angesammelten Verunreinigungen in der Luft liegt. Die Dauer der Blauen Stunde ist jahrszeitabhängig und ändert sich ebenso wie Sonnenauf- und untergang täglich. Genaue Auskunft gibt die Blaue Stunde Tabelle. Hier noch ein kleines Beispielfoto auf dem man die Lichtverhältnisse ganz gut sehen kann, leider war es an dem Tag etwas bewölkt, wodurch das Blau ein wenig getrübt wurde.

Der grüne Geist

Stativ muss sein

Absolutes Muss bei der Nachtfotografie ist ein Stativ. Über Arten von Stativen und Stativköpfen möchte ich mich hier nicht auslassen, aber Ihr braucht definitiv ein standfestes Dreibein-Stativ, da man mit Belichtungszeiten von mehreren Sekunden zu tun hat, in Ausnahmefällen sogar Minuten. Da jede kleine Erschütterung das Bild versauen kann, muss die Kamera bombenfest fixiert sein. Sicherlich gibt es auch kreative Alternativen zum Stativ, aber auf Dauer kommt Ihr nicht darum herum. Ich empfehle ruhig ein bisschen mehr Kohle zu investieren, da man so ein Stativ eigentlich nur einmal kaufen muss, im Gegensatz zum Kamerabody, den man vielleicht irgendwann mal wechselt. Ich selbst verwende ein Manfrotto mit einem Kugelkopf.

Fernauslöser

Um jede kleine Erschütterung zu vermeiden empfiehlt sich ein Fernauslöser für die Kamera. Egal ob Funk, Infrarot oder Kabel, hauptsache Du fasst die Kamera nicht an. Für den Anfang tut es auch der Selbstauslöser mit einer Verzögerung von ein paar Sekunden, allerdings nervt es mit der Zeit immer ein paar Sekunden warten zu müssen. Außerdem gibt es Situationen in denen man den genauen Auslösezeitpunkt abpassen muss, z.B. wenn man Lichter von vorbeifahrenden Autos oder auch Feuerwerk fotografieren möchte. Ich selbst verwende einen Infrarotauslöser für meine Nikon, der keine 20 Euro gekostet hat.

ISO und Rauschen

Lange Belichtungszeiten von 10-30 Sekunden fördern auch das Rauschen im Bild. Besonders bei Nachtaufnahmen hat man zudem oft große dunkle Flächen, die ebenfalls gerne rauschen. Daher sollte man mit der möglichst geringen ISO-Zahl fotografieren, die die Kamera hergibt. Selbstverständlich ist das eine Regel, für die es auch Ausnahmen gibt. So kann es durchaus Sinn machen die ISO-Zahl zu erhöhen um dadurch eine kürzere Verschlusszeit zu erreichen. Auch wenn es irgendwann sehr dunkel wird und die Kamera z.B. an ihre maximale Verschlusszeit kommt, kann man diese durch Erhöhung der ISO-Zahl verkürzen. Bei meiner Nikon D90 ist die niedrigste ISO-Zahl 200, bei Canon hingegen 100. Man kann bei der Nikon auch auf ISO 100 stellen, aber dieser Wert wird dann als L1,0 angezeigt. Das liegt daran, dass der Nikon-Sensor auf ISO 200 optimiert ist und da die besten Ergebnisse liefert. Die ISO-Werte mit L oder H sollten daher nur im Ausnahmefall verwendet werden. Anders bei den meisten Canon-Kameras, wo ISO 100 der optimale Wert ist.

Viele Kameras wie meine D90 besitzen eine Einstellung zur Rauchunterdrückung bei Langzeitbelichtung. Ich persönlich bin kein Fan dieser Option, da sie ganz schön Rechenzeit in der Kamera benötigt. Sobald das Bild gemacht wurde fängt die Kamera an zu rechnen, was dann mal eben ca. 30 Sekunden dauert. Das ist bei einem Bild noch ok, aber sobald man ein paar Bilder mehr macht wird es extrem nervig. Sollte es wirklich zu Problemen mit dem Rauschen kommen, bearbeite ich das lieber nachträglich am Rechner.

Manuell oder Automatik

Für die Nachtfotografie verwende ich meistens den manuellen oder einen der halbautomatischen Modi der Kamera. Im A-Modus (Blendenvorwahl / A=Aperture=Blende) wird die Blende fix gewählt und die Kamera passt die Belichtungszeit automatisch an. Diesen Modus verwendet man z.B. wenn man die Tiefenschärfe des Motivs kontrollieren will und die Belichtungszeit eigentlich egal ist, also bei unbewegten Motiven. Die Blende hat speziell bei der Nachtfotografie aber neben der Tiefenschärfe auch einen großen Einfluss auf die Abbildung künstlicher Lichtquellen, wie Strassenlaternen. Bei einer kleinen Blende erscheint der Lichtschein um die Lichtquelle herum sternförmig, bei einer großen Blende hingegen ergeben sich die sog. Halos.
Der S-Modus (Belichtungszeitvorwahl / S=Shutterspeed=Verschlußzeit) wählt die Belichtungszeit fix und passt dann die Blende automatisch an. dieser Modus ist eine gute Wahl, wenn die Bewegung des Motivs eine Rolle spielt. In der Nachtfotografie sind die typischen Leuchtspuren von Autos ein gutes Beispiel für eingefangene Bewegung. Hier ein Beispielbild

80 Baby

Am allerflexibelsten ist man mit dem manuellen Modus, in dem man alles selbst einstellt, was bei der Nachtfotografie sehr praktisch ist, da der Belichtungsmesser nicht immer so misst, wie man es sich vorstellt. Um den Belichtungsmesser der Kamea zu überlisten schaltet man am besten in den manuellen Modus. Eine Option ist sicherlich auch die Belichtungskorrektur für die Halbautomatik, die vergesse ich jedoch regelmäßig wieder zurückzusetzen 😉

Spiegelvorauslösung

Ebenfalls hilfreich gegen Verwackelung kann die Spiegelvorauslösung sein. Diese klappt den Spiegel zunächst hoch und löst dann erst kurze Zeit später aus. Dadurch wird die winzige Erschütterung, die durch den Spiegelschlag erzeugt wird vermieden. Ob die Spiegelvorauslösung Sinn macht hängt von der Belichtungszeit und der Brennweite ab. Operiert man eh im Bereich von 20-30 Sekunden Belichtung, so wird sich die winzige Erschütterung zu Beginn der Belichtung im Bild nicht abzeichnen. Auch bei sehr weitwinkligen Brennweiten wird man nichts durch die Spiegelvorauslösung gewinnen. Ich persönlich habe sie jedoch meistens aktiviert wenn ich bei Dunkelheit fotografiere. Probiert es einfach mal aus, aber erwartet auch keine Wunder.

RAW oder JPG

Ich fotografiere ausschließlich im RAW-Format. Das bedeutet zwar ein wenig mehr Arbeit in der Nachbearbeitung, bietet aber auch viel mehr Flexibilität. Besonders bei der Nachtfotografie ist das RAW-Format zu bevorzugen, da es einfach viel mehr Farbinformationen enthält. Ein JPG-Bild hat meistens 8 Bit an Farbinformationen, RAW dagegen meist 10, 12 oder manchmal sogar 14 Bit. Diese höherer Bit-Zahl hilft besonders bei Bildern mit hohem Anteil an dunklen und hellen Pixeln, denn so können auch in diesen Bereichen noch Details mit gespeichert werden, die sonst komplett in Schwarz oder Weiss versinken würden. Dieser höhere Detailgrad hilf dann besonders bei der Nachbearbeitung, wenn man das Bild noch etwas abdunkeln oder aufhellen möchte. Es ist unglaublich was man mit einer Bildbearbeitungssoftware aus einem RAW-Bild noch rausholen kann.

Autofokus oder manueller Fokus

Bei der Nachtfotografie kann es leicht dazu kommen, dass der Autofokus der Kamera durcheinander kommt, bzw. keinen Fokuspunkt findet. Versucht man mit dem Autofokus den schwarzen Nachthimmel zu fokussieren, so wird das nichts. Um das hinzubekommen gibt es verschiedene Möglichkeiten.
Die meisten Kameras haben eine automatische Messfeldsteuerung, wodurch der Autofokus automatisch die verschiedenen Messfelder verwendet um den optimalen Fokuspunkt zu finden. Es wird also ein sehr großer Bereich des Bildes untersucht. Das funktioniert dann sehr gut, wenn man ein Motiv hat, welches nicht so eine extreme Tiefe besitzt. Hat man jedoch ein Bild mit Tiefe so kann die Kamera nicht wissen, ob man auf den Vorder- oder Hintergrund fokussieren will.
Eine weitere Möglichkeit ist die manuelle Verschiebung des Messfeldes. Man kann bei den meisten Kameras den Messpunkt im Sucher manuell auf eine andere Position verstellen, um den Bildausschnitt scharfzustellen, den man auch wirklich scharf haben möchte. Hier liegt ein kleiner Nachteil bei den sehr günstigen Einstiegskameras, die teilweise nur 3 oder 5 Messfelder haben, wodurch die Auswahl beschränkt ist.
Die letzte Methode ist diejenige, die mir auch am besten gefällt. Man verwendet den Messpunkt in der Mitte des Suchers, der zudem bei den meisten Kameras auch der beste ist. Mit dem zentralen Messpunkt fokussiere ich den Bildbereich, den ich scharf haben möchte und anschließend stelle ich den Autofokus ab und baue das Bild auf. Solange ich das Motiv nicht wechsel muss ich mich nun nicht mehr mit dem Autofokus „rumärgern“. Aber man muss dran denken den Autofokus anschließend wieder zu aktivieren, denn sonst wird das nächste Bild evtl. unscharf 😉
Hier müsst Ihr auch ein wenig rumprobieren, viel hängt natürlich vom Motiv ab.

Wenn Ihr ein Stativ verwendet, solltet Ihr übrigens auch den Bildstabilisator abschalten. Dieser arbeitet auch dann, wenn die Kamera ruhig gestellt ist, was dann wiederum eher negativ ist. Auch wenn das nicht unbedingt sehr stark ins Gewicht fällt, so hilft es doch das letzte bisschen Schärfe aus einem Motiv zu quetschen.

Blende und Verschlußzeit in der Praxis einstellen

Alles schön und gut, bis hierher war es viel Theorie. Was mich persönlich aber immer am meisten interessiert hat war die Frage wie man in der Praxis nun an die Nachtaufnahme herangeht. Was sind die Schritte zur richtigen Belichtung? Ich gehe meistens so vor:

  • Kamera aufstellen und ausrichten (Bildkomposition ist ein Thema für sich)
  • Ich beginne meistens mit Blende 8 oder 11 und verwende für die ersten Aufnahmen den A-Modus.
  • Belichtungsmessung setze ich auf die Matrixmessung, welche das gesammte Bild misst.
  • Auslösen und Bild anschauen.
  • Einstellungen merken und auf den M-Modus wechseln.
  • Je nach erstem Eindruck des Testbildes nun im manuellen Modus die Belichtungszeit variieren und weitere Aufnahmen machen.

So kommt man eigentlich bereits nach 3-4 Bildern zu einem ganz guten Ergebnis. Zwischendurch müsst Ihr jedoch auch mal die Schärfe durch zoomen ins Bild kontrollieren. Außerdem ist bei Nachtaufnahmen das Histogramm sehr hilfreich, da es Euch schnell anzeigt wieviele Details im hellen und dunklen Bereich untergehen. Bei Dunkelheit ist es nahezu unmöglich ein Bild zu machen, das in allen Bereichen richtig belichtet ist. Man hat einfach zu viele ganz schwarze und ganz helle Bereiche, hier muss man sich entscheiden oder andere Techniken wie HDR verwenden. Dennoch ist das Histogramm sehr hilfreich für eine erste Beurteilung.

Nun solltet Ihr eigentlich in der Lage sein erste beeindruckende Nachtaufnahmen zu machen. Ich finde Nachtfotos sind eigentlich recht dankbare Bilder, da durch die Lichter oft eine besondere Wirkung erzeugt wird, welche auch bei schlechtem Bildaufbau noch eine gewisse Faszination auslöst. Beherrscht man den Bildaufbau auch, so ist das natürlich die Krönung. Ich empfehle Euch auch mit den Belichtungszeiten und Tageszeiten zu spielen. Zur Blauen Stunde wechselt das Licht minütlich und auf dem Foto wirkt dieses evtl. ganz anders als in der Realität. Macht einfach mal ein paar Bilder vom gleichen Motiv zu unterschiedlichen Zeiten und Ihr findet schnell heraus welches eine gute Zeit zum fotografieren in der Dunkelheit ist. Eigentlich ist es ganz einfach.

Viel Spaß beim Ausprobieren. Hier noch ein paar meiner Bilder, die persönlich ganz gerne mag.

Kannengießerort-Brücke Speicherstadt Hamburg

Schiffsaugen

Ladelichter

Hafenrundfahrt

Ich nenne es mal Mond

Fernsehturm Frankfurt am Main

Veröffentlicht in: Foto nach oben

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Kommentare (11)

  • Julia schrieb am 02.05.2009

    Moin! Sind echt gut geworden. Am Schönsten finde ich das vierte Bild. Und wie schauts mit Fotowettbewerben aus? Schon Preise abgesahnt?
    LG, Julia

  • EwGenie schrieb am 02.05.2009

    mein Problem mit der blauen Stunde hast du bereits erwähnt.
    Es ist eben nicht die Nacht, sondern die Dämmerung.
    Für mich macht eben der schwarze Himmel das ganze erst richtig attraktiv. Viele sagen immer, dass die blaue Stunde die bessere Zeit sei. Ich denke es ist eine Geschmackssache. Mit passenden Werkzeugen, lassen sich auch Nachts dunkle Stellen sichtbar machen und der Himmel ist dann schwarz.

    • Paddy schrieb am 02.05.2009

      @EwGenie: Ehrlich gesagt finde ich auch, dass ein wirklich dunkler Himmel besser aussieht. Kommt aber dennoch aufs Motiv an. Je mehr Dunkelheit im Motiv umso mysteriöser wirkt es meiner Meinung nach. Aber Du hast vollkommen recht: Alles Geschmackssache 😉

  • thovei schrieb am 02.05.2009

    Das erste Brückenbild aus der Speicherstadt ist wirklich super gelungen! Ich denke, dass aber auch die Erfahrung der eigentlichen Fotonachbearbeitung bei der Nachtfotografie ein weiterer Schwerpunkt ist. Hier gibt es noch weitere Möglichkeiten, den Rest aus einem schon vorab sehr gut gelungenem Bild heraus zu holen.

    VG,
    Thorsten

  • markus schrieb am 02.05.2009

    Wow, wirklich sehr schöne Fotos.. die Brücke mit dem weißen Licht gefällt mir besonders gut.

  • Matthias schrieb am 13.08.2009

    Super Tips viel bekannte aber auch vieles neues. Dennoch nützlich!!!

  • hans wilmer schrieb am 22.05.2010

    Guten Tag,
    das mondfoto gefaellt mir wirklich sehr gut. Koennten Sie mir mitteilen, mit welchem objektiv und welcher brennweite Sie das gemacht haben.
    MfG

    Wilmer

    • Paddy schrieb am 22.05.2010

      Das Mondfoto ist mit dem Nikon 70-300 bei 300mm an der D90 aufgenommen.

      • hans wilmer schrieb am 23.05.2010

        danke fuer die info! echt super Bild!

  • Jan schrieb am 25.06.2010

    Sehr gute Anleitung mit vielen Tipps, sehr hilfreich!!!

    Gruß
    Jan

  • Rolf schrieb am 25.08.2013

    Hallo,
    vielen Dank für deine Tips. Hast du auch Erfahrung beim fotografieren von Heißluftballons? So ganz bin ich mit den neuen Ergebnissen auf meiner Seite nicht zufrieden.
    Beste Grüße Rolf

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